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Input von Zuzana Ernst zur Veranstalltung "Räume werden gemacht" im Rahmen des Internationalen Symposiums "Freie Szene - Orte schaffen", welches am 3. und 4. September in Wien im Semperdopt statt fand.

 

Kulturvereine und -initiativen sind wichtige Knotenpunkte unabhängiger selbstorganisierter Netzwerke, welche in die unmittelbare Nachbarschaft hineinwirken, innerhalb einer spezifischen Community agieren und wichtige kollektive Räume schaffen für gegenseitigen Support und das Teilen von Ressourcen. Eine räumliche Verortung in Form von Arbeits- und Ausstellungsraum und Treffpunkt verstärken diese Wirkung exponentiell.

Die Wiener Szene ist reich an aktiven, vernetzten, interdisziplinär arbeitenden Kunstschaffenden, diversen Perspektiven, wertvollen postmigrantischen Positionen und genreübergreifenden Initiativen. Und trotzdem arbeiten so viele unter prekärsten Verhältnissen.

Selbstorganisiertes Arbeiten ist professionelles Arbeiten. Und die freie Szene hat Anspruch auf professionelles Arbeiten! Neben der künstlerischen Arbeit ist auch Administration, Verwaltung, Instandhaltung, Reinigung, Öffentlichkeitsarbeit, das Schreiben von Anträgen, Künstler_innenbetreuung usw. zu leisten. Das sind unzählige Personalstunden im Jahr. All das sind Fixkosten, welche bezahlt werden müssen und nicht von kommerziellen Einnahmen abhängig sein dürfen.

Diese organisatorische Arbeit und die notwendige Infrastruktur, werden über Projektgelder nicht oder kaum gedeckt! Künstler_innen und Kulturarbeiter_innen stemmen diese Strukturarbeit zusätzlich, unterbezahlt oder unbezahlt, bis es nicht mehr geht.

Es braucht hier vor allem die Sicherstellung einer adäquaten Strukturförderung, die das kulturelle und künstlerische Produzieren erst möglich macht. Dies ist eine öffentliche Aufgabe, die eine finanzielle Förderung der freien Kunst- und Kulturszene mit einschließt.

Der Kultursektor wird sich zukünftig maßgeblich mit der Frage befassen müssen, wie Strukturen für Kunstpraktiken etabliert werden können, die für die gesamte Bevölkerung relevant sind, breite Perspektiven ermöglichen und damit der sozialen Pluralität der Gesellschaft gerecht werden. Dies bedeutet eine umfangreiche Transformation und teilweises Neu-Erfinden der Rahmenbedingungen von Kunst- und Kulturproduktion.

Wichtiger Motor dafür sind die selbstorganisiert Arbeitenden, die dezentral Agierenden, die sich gegen binäre Kategorien Wehrenden, die von rassistischen und klassizistischen Ausschlüssen Betroffenen, die von den Institutionen Nicht-repräsentierten.

Vor dem Hintergrund der umfangreichen Schließungen aufgrund von COVID, Bedrohung und Perspektivlosigkeit für so viele Räume und Kunstschaffende der freien Szene, die diese Räume gestalten und organisieren, ist es essentiell Strategien für die Erhaltung existierender und Öffnung neuer Möglichkeitsräume Sorge zu tragen.

Denn, die Stadt braucht Räume die nicht-kommerziell, offen, dezentral und vor allem nachhaltig sind. Räume in denen Kulturabreiter_innen und Künstler_innen unterschiedlicher Genres und Backgrounds zusammenkommen können, in einem gemeinsamen Denk- und Arbeitsraum. Räume für politische Diskussionen. Räume in denen diverse zeitgenössische Kunstpraxis sichtbar und zugänglich ist. Räume in denen frau einfach ein Bier trinken und die nächste Revolution planen kann. Räume des Experimentierens, des Scheiterns, der Entdeckens, des kollektiven Schaffens. Um solche Räume schaffen und vor allem erhalten zu können, braucht es nachhaltige Förderstrukturen, die klarerweise über Projektförderungen hinausgehen.

Aufbauend auf der Fair Pay Kampagne und den Forderung nach Anstellungsverhältnissen und Mindesthonorarrichtlinien für Kulturarbeiter*innen, braucht es eine nachhaltige Förderung der Infrastruktur für das Betreiben von selbstorganisierten Räumen.

Mit einer adäquaten transparenten Standortförderung gehen nämlich neue Möglichkeitsräume auf. Räume in denen gemeinsam produziert werden kann und Formen der Selbstorganisierung reflektiert gestaltet werden können, und in denen die geschaffenen Ressourcen weiter verteilt werden können.

Zusammenfassend nachfolgend die notwendigsten Maßnahmen:

  • Es braucht die Finanzierung laufender Organisation und Personalkosten für das Verwalten, Betreiben und Bespielen von Selbstorganisierten Räumen

  • Bei der Vergabe der Gelder braucht es ein Bewusstsein für existierende Ausschlussmechanismen in Hinblick auf wer gefördert wird: Transparenz der Förderkriterien, Umgang mit Mehrsprachigkeit bei Einreichungen und Niederschwelligkeit der Einreichmodalitäten.

  • Es sollen Räume entstehen die öffentlich sind, eine gemeinsame Nutzung ermöglichen und als Shared Spaces fungieren. So entsteht Potenzial für genreübergreifende multifunktionale Produktionsräume der freien Szene zum Arbeiten, zum Veranstalten und Ausstellen und zum Vernetzen.

  • Nachhaltige Förderstrukturen für Räume ermöglichen Vernetzung vor Ort. Voraussetzung ist ein Ortsbewusstsein der Betreiber*innen, Öffnung der Räume für Nachbar*innen, Anschlussfähigkeit und Zugänglichkeit

Je mehr diverse, gut verwaltete und ausgestattete Räume da sind, umso mehr Möglichkeiten und Plattformen können entstehen, so dass die breite Vielfalt der freien Szene sichtbar wird und in die Stadt hineinwirken kann.

Denn wenn über Räume gesprochen wird, wird letztlich um die Entscheidung verhandelt, wer in dieser Stadt schaffen kann und darf. Es geht um öffentlich zugänglichen Raum. Es geht um Existenzen und die Lebens- und Wirkräume städtischer Gesellschaft.

 

Text: Zuzana Ernst

Fotos: eSeL