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Der Preis der freien Szene Wiens - Vorwort

Das letzte Jahr hat so einige politische Veränderungen mit sich gebracht. Auf Bundesebene wurde im Dezember 2017 mit einer Koalition aus ÖVP und FPÖ eine konservative bis rechtsextreme Regierung angelobt, deren Priorität wohl eher auf billigem politischen Kapital als auf der Förderung freier und emanzipatorischer Kulturarbeit liegt. Schon in den Parteiprogrammen während des Wahlkampfs war der Begriff „Kultur“ eine äußerst seltene Erscheinung und wurde eher als Brauchtumspflege denn als zeitgenössische Kulturproduktion verstanden. Ein Blick nach Oberösterreich, wo jahrzehntelange kulturelle Aufbauarbeit im Schnellverfahren zunichtegemacht wird, lässt eine_n erahnen, wohin die Reise geht.

In der Bundeshauptstadt Wien wurde zwar nicht gewählt, dennoch kam es nach dem Abtreten des Langzeitbürgermeisters Michael Häupl unter seinem Nachfolger Michael Ludwig zu tiefgreifenden Veränderungen in der Wiener Stadtregierung. Dem ehemaligen Wohnbaustadtrat wurde von einigen Medien nicht zuletzt aufgrund seiner Tätigkeit bei den Wiener Volkshochschulen ein ausgeprägtes Kulturverständnis zugeschrieben, welches wir als Interessenvertretung der freien und autonomen Kulturszene so allerdings nicht bestätigen können. Immer wieder hat Michael Ludwig als Zuständiger für das Wohnbauressort bei der Freigabe leerstehender stadteigener Immobilien für kulturelle Nutzungen blockiert, und auch Privatisierungen, wie zuletzt im Falle der Atzgersdorfer SargfabrikF23, zeugen nicht gerade von einem ausgeprägten Verständnis für die Wichtigkeit offener Kulturräume.

Dass die ehemalige Bezirksvorsteherin von Favoriten, Kathrin Gaal, Ludwig im Wohnbauressort nachfolgt, erscheint gerade in Anbetracht der Begehrlichkeiten um den ehemaligen Haschahof spannend: Während eine (kulturelle) Nutzung auf Bezirksebene unter Kathrin Gaal durchaus Thema war, wurde diese auf Stadtebene vom Wohnbauressort unter Ludwig vehement abgelehnt. Nachdem der Abriss gerade noch verhindert werden konnte, trainieren jetzt allerdings Rettungshundestaffel und WEGA am wunderschönen Gelände des Gutshofs.

Weiters spannend gestaltet sich die Frage der zukünftigen Ausrichtung der Wiener Kulturpolitik: Mit Veronica Kaup-Hasler übernimmt eine Frau das Kulturressort, die durch ihre Arbeit bei den Wiener Festwochen und die langjährige Leitung des Steirischen Herbsts die Innenperspektive des Kulturbetriebs durchaus kennengelernt haben sollte. Wie es um ihr Engagement für die Stärkung der freien Kulturszene und die dafür nötigen Rahmenbedingungen steht, wird sich herausstellen. Als politisch unbeschriebenes Blatt gehen wir vorsichtig optimistisch zumindest von einer gewissen Unvoreingenommenheit und einem offenen Ohr für die freie Kulturszene aus.

Abgesehen von der offiziellen Politik oder teilweise wahrscheinlich als Reaktion darauf, haben sich auch einige sehr erfreuliche Initiativen aufgetan:

Die schwierige Situation freier und experimenteller Musiker_innen hat zu einer Vernetzung unter dem vielsagenden Namen „Mit der Stadt reden“ geführt, was unter Kulturstadtrat Mailath-Pokorny leider jahrelang nicht mehr der Fall war. Die Situation der freien Musikszene ist bestimmt nicht erst seit gestern unzufriedenstellend, doch nun werden Gespräche aktiv eingefordert.

Alarmierende Entwicklungen in anderen Bundesländern oder auf Bundesebene wie auch die am eigenen Leibe erfahrene ausufernde Bürokratisierung des Kulturbetriebs haben zu einer solidarischen Kulturraumvernetzung von unten geführt. Unter „ARGE Räume“ treffen einander Raumsuchende genauso wie Zwischennutzer_innen, junge Kulturinitiativen und langjährige Kulturraumbetreiber_innen, um aus gesammelten Erfahrungen zu lernen, sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam aktiv zu werden. Der Druck auf Raum steigt weiterhin enorm, und die zahnlose Zwischennutzungsagentur „Kreative Räume Wien“ konnte dieses Problem offensichtlich nicht lösen. Überbordende Bürokratie und steigende Kosten stellen auch alteingesessene Kulturbetriebe vor wachsende Herausforderungen, die häufig in einem Zwang zur Professionalisierung und damit auch Kommerzialisierung münden, wie Peter Rantaša vom rhiz es in seinem hier folgenden Text beschreibt.

Ist man in diesem Spiel durch mangelnde rechtliche Absicherung oder ähnliche Abhängigkeiten zusätzlich der Stadt ausgeliefert, wird auch freien Kulturinstitutionen wie der Arena, dem Amerlinghaus oder dem WUK das Leben schwer gemacht – durch jährliche zähe Verhandlungen oder die neue Nachbarschaft im eigenen Dachgeschoss. „Kulturräume sichern“ lautet somit auch Laurin Lorenz' nachfolgendes Plädoyer.

Um die offensichtlich notwendige Vernetzung freier Kulturinitiativen weiter voranzutreiben und ihrem Schaffen zusätzliche Sichtbarkeit zu verleihen, vergibt die IG Kultur Wien auch heuer wieder den Preis der freien Szene. Die Verleihung findet mittlerweile jährlich statt, und die 60 großartigen Einreichungen zeugen von einer nach wie vor aktiven und vielfältigen freien Kulturszene in Wien.

Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass das auch so bleibt!


Der Vorstand der IG Kultur Wien

Magdalena Augustin
Alisa Beck
Elisabeth Bernroitner
Günther Friesinger
Walter Gössinger
Esra Özmen
Tamara Schwarzmayr