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Wer vertritt Basiskultur?

Diskussionsrunde organisiert durch die IG Kultur Wien

15.12.09, 19.00
Depot, Breitegasse 3
1070 Wien



Die IG Kultur Wien lud in Kooperation mit dem Depot am 15. Dezember 2009 zur Diskussion Kultur? Wer vertritt Basiskultur? Lässt sich Basiskultur vertreten? Und wenn ja, wer vertritt sie? Was ist unter Basiskultur zu verstehen?
In einer kleinen Runde diskutierten Günther Friesinger (IG Kultur Wien), Sabine Kock (Kulturrat Österreich), Gerhard Ruiss (IG Autorinnen Autoren) und Wolfgang Lamsa (Kulturarbeiter), moderiert wurde die Veranstaltung von Hikmet Kayahan.
Das Gespräch wurde gekürzt und zusammengestellt von Carolin Vikoler.

Hikmet Kayahan: Ich stell mich jetzt mal doof: Ich bin eigentlich Türke und beim Begriff Kultur läuten bei mir alle Alarmglocken, weil alle von mir verlangen, ich solle mich integrieren in die Kulturgegebenheiten des Landes Österreich. Was für ein Begriff von Kultur ist hier in der Runde gemeint – sprechen wir von der sogenannten Hochkultur, vom Musikantenstadl, was auch unter Kultursendung im ORF läuft? Geht es nicht für alle darum, ein Stück vom Kuchen zu bekommen? Die FPÖ hat vor zwei Wochen wieder eine Postaussendung gemacht und aufgelistet, welche links-linken Vereine Subventionen bekommen – migrantisch, schwul-lesbisch, subversiv ... Also, wovon sprechen wir?

Günther Friesinger: 2003 hat die Grazer KPÖ im Stadtwahlkampf plakatieren lassen: Auch ein WC in der Wohnung ist Kultur. Ok, interessant, also alles und nichts ist Kultur. Ich bin als Vertreter der IG Kultur Wien Vertreter einer freien Szene, einer Szene im Bereich der Freiräume. Wir sind auch Unterstützer von besetzten Häusern: dem EKH, aktuell der Punker Hütten; Arena und WUK sind Mitglied. Das Spektrum zeigt eigentlich den Kulturbegriff, den wir vertreten. Für manche ist nur das, was in der Oper läuft, Kultur. Ich kann eigentlich nur für Wien und die Szene sprechen, die wir vertreten. Und wir finden das extrem problematisch, wenn sich klar politisch zuordenbare Institutionen plötzlich Basiskultur nennen und sich auf etwas draufsetzen wollen, was sie sicher nicht vertreten. Das Volksbildungswerk hieß z. B. auf einmal nicht mehr Volksbildungswerk sondern Basiskultur Wien.

H. K.: Ok, du hast Basiskultur noch nicht definiert, aber du sprichst es Institutionen wie dem Volksbildungswerk ab?

Gerhard Ruiss: Ein paar Versuche, Kultur – etwas, durch das Mann und Frau sich dargestellt sehen möchten – zu definieren: Es geht um Ausdruck, Überhöhung, Absetzung vom Alltäglichen, es geht um Entwicklung. Was von Kunst erhalten bleibt, ist Kultur, was ich in Museen finde, aber selbst das kann wieder zum Kunstwerk werden. Ich glaube, dass der Begriff Kultur zunächst nur positiv besetzt ist und vielfach verwendet wird. Alle gesellschaftlichen Gruppen reklamieren ihn für sich, auch die Burschenschaften haben einen Kulturbegriff, aber den werden sie nicht mit der Alternativkultur teilen. Die aus der Alternativkultur kamen, waren gegen die Hochkultur, die hatte viel Geld, wir hatten keines und wollten auch welches. Es geht immer auch um Verteilungskämpfe. Allgemein gesehen soll aus etwas ein Mehr werden, ein ideeller Mehrwert, auch aus dem niedersten Instinkt soll mehr herauskommen, in eigentlich einer Art Täuschungsversuch, damit niemand sagt, das ist ja nichts.

Wolfgang Lamsa: Ich versuche jetzt eine Abgrenzung: Es gibt Kultur, es gibt Kunst, es gibt Kunstgewerbe – die Grenzen sind fließend. Ich bin Kulturarbeiter. Im Moment für ein Hochkulturevent, nächsten Monat wieder woanders, ich muss kollaborieren, aus existenziellen Gründen als Kulturarbeiter und Künstler dauernd in verschiedenen Bereichen arbeiten, nicht nur an der Basis. Die Basis ist ‚nur’ Selbstdefinition. Die SPÖ-nahen Organisationen haben genauso das Recht sich als Basis zu bezeichnen wie andere. Ich habe einige Jahre im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands gearbeitet und dort gelernt, dass Auschwitz Kultur ist. Kultur ist nicht per se etwas Gutes, Menschliches, Friedliches. Kultur ist dieses System, dieser Kapitalismus, in dem wir leben, dass über Nacht auf einmal 1000 Menschen im Gefängnis sitzen können. Natürlich ist auch das Kunsthistorische Museum Kultur, oder ursprünglich rassistische Wissenschaftsdisziplinen wie z.B. die Anthropologie, dieses Fach nennt sich nun sogar Kulturanthropologie.
Ich bin ein Fan von Ferdinand von Saar – ein Schriftsteller und prekärer Kulturarbeiter, der sich vor knapp 100 Jahren erschossen hat! Was hat sich seit Saar verbessert? Er musste kollaborieren, damit er ein Dach über dem Kopf hatte, etwas zum Anziehen etc. und er beschreibt völlig zeitlos KünstlerInnenidentitäten – Arbeit, Scheitern, Not und Hunger. Auch wenn es niemand zugibt, ist auch Hunger ein Problem von KulturarbeiterInnen und KünstlerInnen – heute wie damals. Es hat sich nicht viel geändert an dem Verständnis von KünstlerInnen und Kunst in Österreich. Am krassesten kann man es sehen am Roten Wien: Richard Strauss kommt nach Wien, wird Operndirektor und kauft sich eine Villa. Damals organisierten sich KünstlerInnen in Interessengruppen, nur weil sie gehungert haben. Wenn KünstlerInnen wirklich anfangen zu hungern oder in extrem prekären Lebenssituationen sind, schließen sie sich zusammen, ansonsten versuchen sie beim ORF, dem Burgtheater oder einer anderen finanzkräftigen Organisation einen Vertrag zu bekommen. Und Solidarität ist einfach kein Thema.

G. R.: In den 70er Jahren hieß die Basiskultur Alternativkultur, Subkultur. Mit diesen Ansätzen hat es etwas gegeben, das eigentlich bis heute nicht aufhört, die Fähigkeit zur Selbstorganisation, die sich natürlich immer in Etablierungen erschöpft. Und gegen unsere etablierten, vorher nicht bestehenden Einrichtungen beginnen sich schon wieder neue selbst zu organisieren, weil sie bei uns nicht mehr aufgehoben sind.
Es gibt nicht eine geschlossene Basis. Es finden sich immer neue Basierungen für eine Idee, die durchgesetzt werden will, z. B. jetzt an der Uni. Da organisieren sich die Studenten und Studentinnen eine eigene Basis, die sich nicht an das Know How der älteren Generationen hält. D. h. nicht nur die Restauration schafft es, immer wiederzukehren, sondern auch der Aufbruch.
Basiskultur ist überhaupt nicht organisierbar von oben, sondern wird entwickelt von denen, die Bedarf haben. Wer vertritt die Basiskultur? Die IG Autoren und Autorinnen ist ein klassischer Interessensverband, der sich verselbstständigt hat, uns vertritt keine Gewerkschaft, wir vertreten uns selber – das ist, glaube ich, der gemeinsame Nenner aller basiskulturellen Einrichtungen: wir vertreten uns selber. Wer immer dieses „wir“ definiert und worin auch immer es besteht, es geht nicht nur darum, ein Stück vom Kuchen abzukriegen. Es gibt auch die Notwendigkeit, etwas durchzusetzen.
Sabine Kock: Ich bin dir sehr dankbar Wolfgang, dass du Auschwitz als existentiellen Bezugspunkt von Kultur benannt hast. Das gilt auch für mich und ich bringe es jetzt nochmal ein für eine Schärfung des verwendeten Kulturbegriffs: für mich gehört unbedingt dazu, dass wir uns bemühen sensibel zu sein, antidiskriminierend, gendergerecht zu agieren, die Frage von Wiederbetätigung, Rechtsruck ist erschreckend aktuell, die Arbeit am Gedenken darf nie vorbei sein ...

H. K.: Wen vertrittst du?

S. K.: Als Geschäftsführerin der IG Freie Theaterarbeit vertrete ich die freien Theaterschaffenden Österreichs, wir sind ein Verein, wir haben Mitglieder, bekommen Bundesförderung, Stadt Wien Förderung, wir haben Mitgliedsbeiträge.

H. K.: Du vertrittst eure Mitglieder, denn die haben dich zu irgendwas gewählt?

S. K.: Theoretisch ja, gewählt haben mich Vorstand und Team. Aber ich antworte zuerst noch verspätet auf deine Frage nach dem Kulturbegriff: Wir als Vertretungen waren insofern konkret Kollaborateure, als dass wir auch während der Zeit der Rechts-Rechtsregierung nicht auf Förderung verzichtet haben. Das war eine Situation des ‚Mitgehangen’, ich habe mich jeden Tag gefragt, wie laufen die Verschleifungsprozesse des täglichen Bewusstseins, des aktiv sein Wollens, aber sich nicht ganz nach außen Stellens.
Es gibt auch einen Adaptionsprozess in unserem Genre der freien Szene: In den 80er Jahren ist bei vielen aus der Aufbruchsstimmung der (Nach)-68er eine Ermüdung geworden, daraus resultierend eine Verbürgerlichung und praktische Entwicklung hin zu Mittelbühnenstrukturen. Vor zwei Jahren beim IETM Treffen in Ljubljana wurde die Frage nach dem gesellschaftlichen ‚Ort‘ von Kunst sehr radikal gestellt: Ist es nicht so, dass jede/jeder in einem kleinen Universum versucht eine Nische zu finden, mit der er/sie irgendwie ökonomisch durchkommen kann und wahrgenommen wird – als eine durchgängige Marktstrategie? Gibt es überhaupt ein außen? Das sehe ich inhaltlich als Dilemma: Selbst das radikalste Theater im Burgtheater – was kann es denn sein? Was repräsentiert eine Institution wie das Theater? Wo findet man Orte, aus denen man agieren kann, als wäre nicht von vornherein eine Vereinnahmung inkludiert? Uns eingeschlossen.

H. K.: Wer vertritt mich als Steuerzahler? Ihr vertretet eure Vereinsmitglieder.

W. L.: Dass ein Zusammenschluss nur eigene Interessen vertritt, das kann ja sein, aber er bietet auch der Basis die Möglichkeit, niederschwellig Informationen für eigene Interessensgebiete zu öffnen. Es erspart mir den Weg ins Ministerium, um dort nachzufragen, wie funktioniert das, was ich will. Aber nur weil wer im Basiskulturverein drinnen ist heißt das nicht, dass er auch nur einen Euro kriegt. Für mich ist es ein niederschwelliger Zugang, um Öffentlichkeit zu kriegen, wenn es Basiskulturvereine gibt, zu denen ich niederschwellig dazu kann. Ich kann nicht einfach zum ORF oder ins Burgtheater gehen und sagen ich möchte eine Lesung machen – aber vielleicht ins Literaturhaus …

H. K.: Wieso eigentlich nicht. Soweit ich weiß, finanziert sich das Burgtheater über Steuergeld und Eintrittsgelder. Ich weiß, ich kann ins Theater des Augenblicks oder ins Schauspielhaus gehen, weil ich Kontakte habe.

G. R.: Das Burgtheater hat seinen eigenen Kontext genauso wie das Theater des Augenblicks. Das ist auch gut so, mir macht das Burgtheater weniger Sorgen, aber gibt es genug Bewegung und Beweglichkeit? Die Bewegung des Burgtheaters ist eine langsame – zum Glück gab es den Peymann für Wien, sonst gäbe es dort immer noch die gleiche Besetzung und das Burgtheaterdeutsch. Die schnellsten Bewegungen kommen sicher von den zeitgenössischen Szenen, den Basiskulturen.

W. L.: 1968 war in Wien eigentlich nicht existent. 1989 hat es in Österreich auch nicht gegeben. Die demokratische Kultur ist sehr schwach und oft nicht vorhanden, wie kann da eine Vertretung von KünstlerInnen im Bereich der Basiskultur funktionieren?

S. K.: Die Kehrseite der Verbürgerlichung des freien Theaters ist die Vereinnahmung durch die großen Institutionen – das ist im Theater strukturell – selbstverständlich inszeniert Schlingensief Jelinek im Burgtheater. Ich geh da hin und genieße das, aber da hat was schon seine grundlegend kritische Kraft der Gegenkultur eingebüßt, einfach weil es dort stattfindet, wo es stattfindet. Vereinnahmung geht so weit, dass ausgerechnet das theatercombinat mit der Performance <i>Bambiland</i> am Heldenplatz zum Nationalfeiertag den Nestroypreis bekommen hat und Claudia Bosse zwar deutlich gesagt hat, wie absurd sie das findet, aber aufgetreten ist, wie alle anderen – ich saß auch im Publikum im Zirkus. Wir machen da mit.

H. K.: Wen vertritt die Basiskultur? Ich bin die Basis.

G. R.: Ich würde gerne über dich als Basis reden und die anonyme Basis der KronenzeitungsleserInnen, die fragen, wer vertritt mich ... Ich muss jetzt auch für die Kärtner Hypo mitzahlen. Die große gemeinsame Basis gibt es nicht. Alles was wir Basis nennen, sind bestimmte gesellschaftliche Einheiten.

H. K.: Interessenvertretung – die IG Autoren und AutorInnen vertritt die Interessen der Mitglieder – und wenn ich mich mit zwei FreundInnen zusammentue und wir den Verein der blauen Ostereiermöger gründen, kämpfen wir um Mittel des Vereins. Eine Interessenvertretung meines Geschmacks – geht es nicht um diese Verteilungskämpfe? Niemand hält mich vom Wachsen ab und davon meine Kunst zu machen, warum brauche ich da Interessenvertretungen?

G. R.: Wir können nicht so nobel sein, um nicht über die Möglichkeiten zu reden, und die Möglichkeiten haben mit Geld zu tun. Wenn du keinen beheizten Theaterraum hast, wie willst du proben, oder wenn du keine Kohle zum Leben hast? Wir haben es mit höchst unterschiedlichen Formen der Organisation zu tun. Die einen haben sich durchgesetzt und etabliert, die anderen sind notorisch dazu verurteilt, mit weniger auskommen zu müssen, weil sie mit ihrer Arbeit mehr Ideen verbinden als sich nur mit dem schon Durchgesetzten zu begnügen. Diese müssen dann die Fragen nach den Möglichkeiten stellen, da bin ich noch lange nicht bei Verteilungskämpfen.

S. K.: Verteilungskampf ist nicht alles. Die Frage, wen interessiert das, öffnet auf der Theorieebene die brisante Diskussion darum: inwieweit wir alle in diesem kulturellen Feld mit einer sublimierten Avantgardetheorie rumlaufen, es gibt eine Form von kolonialem Sendungsbewusstsein, irgendwer muss aufgeklärt werden, es muss Bewusstsein gebildet werden, das muss rein in die Schulen. Dem gegenüber steht ein ebenso problematischer demokratischer Kulturbegriff, etwa der diffuse Nichtbegriff von Kultur, den die SP hat einschließlich ästhetischer Verunglückungen und Bündnissen von wertkonservativen Strömungen.
Als wir vor Jahren das Künstlerservice im Wiener AMS besetzt haben, haben auch 30 Veloce-FahrerInnen mit protestiert, weil die auch prekär leben; unser Feld, die freien KünstlerInnen, gehören jetzt zu den neuen Prekären, wobei die KünsterInnen immer schon prekär waren, Avantgarde einer Prekarität die zunehmend Segmente des Arbeitsmarkts erobert; seltsam erprobt – von daher könnte man vielleicht aus dem Kulturbereich Modelle zur Lösung arbeits- und sozialrechtlicher Probleme erfinden. Wenn wir im Moment in diesen IMAGs (interministeriellen Arbeitsgruppen) sitzen, dann wollen wir nicht nur Modelle für die ‚sozial diskreditierten KünstlerInnen‘ – es geht auch darum, die Perspektive aufzumachen und zu schauen, wen das noch aller betrifft. Wie können sich die Prekarisierten zusammenfinden und organisieren? Die klassische Form der Solidarität ist das nicht, gleichzeitig gibt es sehr spannende neue Solidarisierungsprozesse. Dabei bleibt eine entscheidende Frage: Wo darf ich auch für jemanden sprechen, ohne dass es wieder zu einer kolonialen Geste wird. In diesem Spannungsfeld würde ich unsere Arbeit beschreiben.

W. L.: Hin und wieder schließen sich KünstlerInnen zu Gruppen zusammen, z. B. Movimento, KünstlerInnen die auch noch Punks sind und die einfach einen Raum haben wollten. Zuerst waren sie in einem Jugendzentrum in Simmering, und dort sind sie rausgeflogen, alles was unbequem ist – egal ob Wagenplatz oder die Leute von Faktum Flakturm – wird abgedreht in dieser Stadt. Sobald sich solche Gruppen exponieren, werden sie unterdrückt und abgedreht. Die Movimentos haben die ehemaligen Eiskeller versprochen bekommen, doch da wird jetzt angeblich der neue ORF drauf gebaut. Die Gruppe ist dort wieder rausgeflogen, inzwischen haben sie sich wohl aufgelöst, was aus den Wagenplätzen wird ist jetzt die nächste spannende Frage.

H. K.: Ich werfe an dieser Stelle ein provokantes Statement ein: Ich kenne keine europäische Stadt – von nicht-europäischen möchte ich gar nicht sprechen – wo die Jugend- und Sozialarbeit mit all den Mängeln und die Kulturszene so gut dotiert ist wie hier. Ich habe drei Jahre ein EU-Projekt gemacht im Kontext von Jugendarbeit – und die Leute von außerhalb konnten nicht glauben, dass es in Wien in jedem Bezirk ein Jugendzentrum gibt. Worüber jammern wir? Was fehlt?

G. R.: Naja, jetzt ist es schwer, dir zu widersprechen. Ich jammer ja sowieso nie, ich hab nur den Eindruck es geht nicht weit genug. Ich war bei vielen Basisbewegungen dabei, ob die Arena oder die Anti-AKW-Bewegung – es schien immer aussichtslos, wir haben aber gewonnen. Hainburg genau dasselbe. Manches ist schief gegangen, bei der Arena ist es dann zur kleinen Lösung statt zur großen gekommen, aber es war trotzdem ein Schritt weiter, es war ein autonomes Jugend- und Kulturzentrum, wie das dann wieder eingefangen wird, wie sich das wieder etabliert, das ist das Fatale. Die Avantgarde entwickelt etwas und dann verdient die Werbe- und die Medienwirtschaft groß damit. Das ist das Schicksal derer, die es vorantreiben und die dann zuschauen müssen, wie es sich andere einverleiben.

S. K.: Um wieder zur Vertretungsfrage zurückzukommen, der Spagat der Strategie ist schwierig. Das Bemühen um Professionalität gegenüber den institutionellen AnsprechpartnerInnen genauso wie gegenüber der eigenen Szene ist für mich eine Haltung, aber auch eine kulturpolitische Strategie. Andererseits kann ich immer noch die sein, die sich morgen irgendwo anketten würde, wenn der Anlass dazu gegeben wäre. Das ist für mich auch Teil der Kultur, ein subversives Moment in einem Kontext in Wien der Überfülle. Aus der Perspektive der Überfülle und Diversität wiederum frage ich mich: inwieweit reden wir überhaupt von einer einheitlichen Kultur – ist das nicht ein kolonialer Kulturbegriff, hier gibt es so viele Subuniversen. Die Differenzierung von Lebenswelten war doch vor 15 Jahren schon common sense in der Theorie. Wie kann man in einer soziologischen Differenzierung so was wie Solidarisierungsprozesse wieder formieren.

H. K.: Ich möchte hier abbrechen, aber ich glaube es ist noch ganz viel Bedarf zur Diskussion ...

... die Diskussion wird anschließend off records weitergeführt.



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