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_willi Hejda: Geld/Kultur-/Arbeit

 

Geld – und der Umgang damit – ist neben Wahrnehmung (durch Politik, Medien, Gesellschaft), Raum und Ressourcen bestimmendes Thema von (Kultur-)Arbeit. Geld und die Verwendung von Geld gelten als gesellschaftlicher Konsens. Ein Konsens, der mit Zwang gepanzert ist1, denn jede Person kann zwar „frei“ wählen, Geld zu verwenden oder nicht, wird jedoch mit massiven gesellschaftlichen Ausschlüssen konfrontiert, sofern „es“ nicht verfügbar ist (oder darauf verzichtet wird). Raum zu nutzen, einzukaufen, Veranstaltungen zu besuchen, ohne passende Papiere Staaten zu wechseln, Transportmittel zu nutzen – das alles ist ohne Geld möglich. Nicht aber ohne in weiterer Folge mit staatlicher Gewalt und Gesetzen in Form von Räumungen, Polizei, Abschiebung, Exekutoren, Security, Schaffnern, Gerichten und Gefängnis konfrontiert zu werden. Als Antwort darauf braucht es (Wohn-)Raum, öffentlichen Transport, Bildungsangebote und Gesundheitsversorgung kostenlos für alle. Dazu braucht es Bleibe- und Wahlrecht für alle. Als Kulturarbeiter_innen sollten uns diese Situationen und gesellschaftlichen Zwänge bewusst sein. Sie lassen sich durch unsere Arbeit thematisieren, und wir können in Allianzen mit anderen (anlassbezogen) dazu (gegen-)wirken.

Arbeit ist generell etwas mehr als die Hälfte unbezahlt (51 % unbezahlte Arbeit vs. 49 % Erwerbsarbeit). Dabei leisten Frauen_ mit zwei Drittel den größten Teil an unbezahlter Arbeit. Annähernd umgekehrt ist das Verhältnis bei bezahlter Erwerbsarbeit: Hier stehen 39 % Frauen_ 61 % Männern_ gegenüber.2 Daraus wird deutlich, dass Care-Arbeit, das heißt Sorgearbeit wie Pflege, Kinderbetreuung, Beziehungsarbeit etc., in vielen Fällen von Frauen_ getragen wird. Die Verteilung zeigt bereits, in welche Richtung es in der Kulturarbeit geht. Die ist meist generell prekär. Die Einkommenssituation ist oft unsicher, zusätzlich sind die Arbeitsplatzsituation (Raum) wie auch die soziale Absicherung und/oder die allgemeine gesellschaftliche Situation (z. B. durch steigende Mieten und Abbau im Sozialsystem) unsicher.

Kultur- und Kunstarbeit sind grundsätzlich häufig unbezahlt. Personen arbeiten in mehreren (unterschiedlichen) Anstellungsverhältnissen oder machen viele Projektaufträge gleichzeitig. Es gibt eine Tendenz hin zu projektorientierter Arbeit. 37 % aller Kunstschaffenden haben dabei ein Jahreseinkommen unter der Armutsgefährdungsgrenze. Die Armutsgefährdung von Kunstschaffenden ist dreimal höher als in der Gesamtbevölkerung und fünfmal so hoch als jene der Erwerbstätigen insgesamt (7 %).3 Viele Kunst- und Kulturschaffende können ihre Tätigkeit daher nur mittels Querfinanzierung aus anderen Einkommensquellen durchführen.
Im institutionellen Bereich kommt es parallel zu einem Auslagern aufgrund neoliberaler Betriebspolitik.4 Die Situation in Österreich ist vor allem im Vergleich zu Osteuropa sowie allen Staaten, in denen Förderleistungen reduziert werden (oder nie in dieser Form vorhanden waren), vergleichsweise „gut“. Die Arbeitssituation im Tätigkeitsfeld ist dennoch im Vergleich zur allgemeinen Situation rund um gesellschaftliche Arbeit, Macht und Einkommen beschissen.

All diese Argumente sprechen für ein weltweites bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Ebenso sind eine umfassende Besteuerung von vererbtem Vermögen und eine grundsätzliche gesellschaftliche Umverteilung nötig.

Aus dieser Situation heraus gilt es als Kulturarbeiter_innen, Strategien im Umgang mit Macht/Arbeit zu finden. Dabei macht es Sinn, die jeweilige Position zu ermitteln und dementsprechend zu agieren. Dazu gehört auch, sich über bisherige Aktionen und Erfahrungen zu informieren, der Austausch mit anderen Aktiven, mit Interessengemeinschaften, Basisgewerkschaften, Syndikaten sowie regionalen Infoläden, Bibliotheken und Archiven „von unten“.
Die folgenden Ansätze bieten Anregungen für eine andere Praxis und sind im Sinne kollektiver Strategien gemeinschaftlich zu erproben und zu erweitern:

Im Handlungsfeld von Politik und Verwaltung befinden wir uns als Kulturarbeiter_innen in einer asymmetrischen Stellung und in einer relativen Abhängigkeit bzw. Bittsteller_innen-Position. In solch einer Situation sind vor allem der Zusammenhalt „von unten“ sowie ein gutes Austauschen darüber notwendig.
Als Strategie könnte sich hierbei das gemeinsame Verhandeln von Fördermitteln anbieten. Statt vereinzelt an Anträgen und Projekten zu sitzen und diese dann individuell auszuhandeln, wäre der Zusammenschluss vieler kleiner Initiativen zu einer Plattform ein nützlicher Schritt. Teilen von Anträgen und Ergebnissen sowie von Erfahrungen im Umgang mit Verwaltung und Politik sind nötig. Das kann der Vereinzelung sowie der möglichen Freund_innenschaftspolitik seitens der Stadt/dem Staat entgegenwirken.

Gemeinsam sollte eine Verteilung weg von Projektförderungen hin zu dauerhaften Initiativenförderungen gefordert werden. Projektförderung heißt, dass wir oftmals kontinuierliche Tätigkeiten laufend neu in entsprechende projektbasierte Fördersprache(n) packen müssen, statt dauerhaft mit Anliegen/Positionen/Ideen zu wirken. Projektförderung trägt somit zu einer Fortschreibung von Prekarisierung bei – vergleichbar mit der Situation, bei langfristigem Raumbedarf in Zwischennutzungen gedrängt zu werden.

Es bedarf einer grundlegenden Umverteilung von Budgetmitteln. Die freie Kulturszene bekommt aktuell rund 2,5 % des Budgets, das in Wien für Kultur ausgegeben wird.5 Die IG Kultur Wien fordert daher als ersten Schritt eine Umverteilung (bei laufend inflationsangepasstem Budget) auf mindestens 10 %. Eine Umverteilung von hochbezahlten Intendanzen und Leitungen hin zu den prekär und schlecht(er) Beschäftigten ist nötig. Es braucht eine Budgetumverteilung von Heereskosten und Erträgen aus Besteuerung von hohen Einkommen, Wirtschaft und Tourismus hin zu Kultur, Gesundheit, Bildung und Sozialem.

Als (prekäre) Angestellte in Kulturbetrieben befinden wir uns ebenso in einem asymmetrischen Verhältnis, das in vielen Szenen oft durch scheinbares Mitspracherecht und Kumpelei überspielt wird. In solchen Situationen gilt es, Strukturen durchzusetzen, wie Plattformen, die gleiche Entscheidungsmöglichkeiten für alle ermöglichen. Löhne können gruppenübergreifend verhandelt werden, um sich (innerhalb von Betrieben) nicht in unterschiedliche Bereiche dividieren zu lassen. Ebenfalls sollte gemeinsam darüber nachgedacht werden, in welcher Form Mittel des gemeinsamen Streikens sinnvoll und wirksam sind. Ohne unterschiedliche Protestformen zu probieren, gibt es keine gelebte Praxis oder Erfahrungswerte.

Innerhalb der Szene(n), wo wir uns (mehr oder weniger) auf Augenhöhe begegnen, gibt es vielfältige Möglichkeiten, anders mit Geld und damit verbundenem Wissen umzugehen.
Der Austausch von Wissen im Umgang mit dem Sozialsystem (im Sinne von Beihilfen, Stipendien, Förderungen, AMS und Sozialamt) ist wichtig. Dazu zählt, einander bei Terminen zu begleiten, sich gemeinsam vorzubereiten und Tipps und Tricks auszutauschen.
Mit vertrauten Menschen lassen sich solidarische Strukturen schaffen. Beispiele sind Food-Coops, die direkte Lebensmittelbezüge aus der Umgebung herstellen, oder Modelle wie „Community Supported Agriculture“ zur Nahrungsmittelversorgung. Auch Kostnixläden, Soli-Rechtshilfestrukturen, Pay-as-you-wish-Lokale wie der Wiener Deewan oder das Café Gagarin sind schöne Wiener Beispiele.

Wir müssen und sollen über Geld reden! Über die eigene Einkommens-situation genauso wie über damit verbundene Sorgen und Probleme. Dazu gehört es, sich mit Klasse (der eigenen und der anderer) auseinanderzusetzen, ein Aspekt, der oft zur Seite geschoben wird.

Bei Projektarbeit gibt es häufig sehr unterschiedliche Vereinbarungen. Diese hängen von Verhandlungsgeschick und Verkaufs-/Präsentationsstrategien und nicht unbedingt vom Umfang der tatsächlichen Arbeit(szeit) ab. Projektorganisator_innen sollten grundsätzlich die finanziellen Rahmenbedingungen für alle am Projekt teilnehmenden Personen transparent machen.

Um den gemeinsamen Handlungsraum für Aktionen zu stärken, bietet sich die Einführung einer (Wiener) Streik-/Aktivitätskasse an. Diese Kasse kann über Soli-Aktivitäten und Spenden gefüttert werden. Ziel ist es, Aktionen und Interventionen für die gemeinsamen Anliegen finanziell zu unterstützen.

Durch das Teilen von Einkommen abseits von (klein-)familiären Strukturen kann solidarische Ökonomie gelebt werden. Gemeinsam überlegt es sich besser, wie und wo Geld herzubekommen ist. Geteiltes Einkommen macht es für alle leichter, stabil zu haushalten. Dafür braucht es gute Vereinbarungen – unterschiedlichste Modelle werden bereits seit Jahren in kleinen und großen Strukturen gelebt.

Als Szene(n) gilt es, kostenfreie Angebote zu schaffen oder Angebote auf freier Spendenbasis, bei denen Personen das zahlen, was sie können (und wollen). Für soziokulturellen Austausch braucht es konsumfreie Räume. Zugang zu allen Arten von Veranstaltungen muss auch für Personen, die über entsprechend wenig (oder kein) Einkommen verfügen, möglich sein. Dabei ist anzumerken, dass in der Frage der Zugänglichkeit natürlich Aspekte wie Sprache(n), Bildung, Gender, Dis_ability, Hautfarbe, Herkunft und Aussehen mitgedacht werden müssen.

Viele der hier beschriebenen Ansätze sind systemimmanent. Durch das Denken und Handeln in diesem Regelwerk geht der Blick auf Utopie verloren. Daher muss immer auch die Frage nach Autonomie gestellt werden. Strukturen sollten weitestgehend staatlicher Vereinnahmung und Kontrolle sowie dem (kapitalistischen, neoliberalen) Markt entzogen werden, indem Räume, Strukturen und Zonen geschaffen werden, in denen Leben und Lernen von und im solidarischen Miteinander möglich sind. Diese andere gesellschaftliche Praxis unterstützt die Entwicklung von Gegenkultur – dadurch wird eine soziale Grundlage geschaffen, um Machtverhältnisse und Zwänge zu überwinden. Das kann ein Teil des Weges zu einer heterogenen vielfältigen Utopie frei von Kapitalismus und Patriarchat sein.
Ein anderer Umgang mit Ressourcen (wie Geld und über Geld hinaus) ist dabei ein wichtiger Schritt in Richtung eines guten Lebens für alle!

 

_willi Hejda ist (Gegen-)Kulturarbeiter_in und seit rund 15 Jahren in diversen Kontexten aktiv. Zuletzt u. a. acht Jahre im Vorstand der IG Kultur Wien, aktuell beim Verein macuco sowie im mobilen Infoladen biblio:media>take organisiert. Neben Aktivitäten für ein „Recht auf Stadt“ ist es _willi Hejda ein Anliegen, sich für ein „gutes Leben für alle“ einzusetzen.

 

1 Vgl. dazu Antonio Gramscis Begriff der „Hegemonie gepanzert mit Zwang“.

2 Zeitverwendung 2008/2009, vgl. die aktuelle Studie der Statistik Austria.

3 Vgl. Susanne Schelepa, Petra Wetzel, Gerhard Wohlfahrt u. a.: Zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich. Endbericht. Wien 2008. Hier zit. n.: www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/soziale_lage_kuenstlerInnen_austria.pdf (zuletzt eingesehen 17.07.2017).

4 Vgl. etwa das Outsourcing der Billeteur_innen im Burgtheater an den G4S-Security-Dienst.

5 Vgl. die Studie Kultur und Geld der IG Kultur Wien, 2009.



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